
Edvard Grieg
15.06.1843 (Bergen) - 04.09.1907 (Bergen)
Edvard Hagerup Grieg gilt als der bedeutendste norwegische Komponist des 19. Jahrhunderts und als musikalische Stimme einer Nation, die damals noch auf der Suche nach einer eigenen kulturellen Identität war. Seine Musik machte norwegische Volksklänge international bekannt und gehört bis heute zu den besonders häufig aufgeführten Werken der Romantik.
Grieg entstammte einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie. Seine Mutter Gesine Grieg war Klavierlehrerin und hatte in Hamburg Musik studiert. Die Familie pflegte enge kulturelle Kontakte, sodass der junge Grieg mit Musik, Literatur und Kunst als selbstverständlichen Teil des täglichen Lebens aufwuchs. Ab dem Alter von sechs Jahren erhielt Edvard Klavierunterricht. Grieg konnte ohne den Druck der „Wunderkinderziehung“ aufwachsen.
1858, Edvard war gerade 15 Jahre alt, gastierte der berühmte Geiger Ole Bull bei den Griegs. Bull hörte den jungen Grieg spielen und überzeugte die Eltern, ihn zum Studium an das Leipziger Konservatorium zu schicken. Dort studierte Grieg Klavier, Komposition und Musiktheorie. Die Ausbildung war gründlich, doch später äußerte er mehrfach, dass er sich dort musikalisch weniger entwickelt habe, als man erwarten würde. Er scherzte später gerne, er sei genauso unwissend aus Leipzig zurückgekehrt, wie er angekommen sei.
Nach dem Studium kehrte Grieg zunächst nach Skandinavien zurück. In Kopenhagen lernte er den Komponisten Niels Gade kennen. Die Begegnung mit dem jungen Komponisten Rikard Nordraak sollte Grieg prägen. Der Schöpfer der norwegischen Nationalhymne, Nordraak, überzeugte Grieg davon, sich stärker auf die Musik seiner Heimat zu besinnen. Diese Idee wurde zum Leitgedanken seines gesamten Schaffens.
1867 heiratete Grieg seine Cousine, die Sängerin Nina Hagerup. Sie wurde seine wichtigste musikalische Partnerin und Interpretin. Das Paar bekam im darauffolgenden Jahr eine Tochter, Alexandra. Das Kind starb im Alter von nur einem Jahr. Biografen nennen Menengitis als Todesursache. Dieser Verlust belastete die Familie schwer und prägte Grieg und seine Frau dauerhaft.
In den folgenden Jahrzehnten entwickelte Grieg seinen unverwechselbaren Stil. Er verband die Formen der europäischen Romantik mit norwegischen Tänzen, Volksliedern und charakteristischen Klangfarben. Besonders Klavierstücke wie die „Lyrischen Stücke“ machten ihn bekannt. Sie gehören bis heute zu den beliebtesten Werken für Klavier.
Seinen internationalen Durchbruch erreichte Grieg mit dem Klavierkonzert a-Moll op. 16, das er 1868 komponierte. Das Werk entstand während eines Aufenthalts in Dänemark und wurde innerhalb kurzer Zeit zu einem der erfolgreichsten Klavierkonzerte des 19. Jahrhunderts. Heute zählt es weltweit zum Standardrepertoire. Die berühmten Eröffnungsschläge des Klaviers gehören zu den bekannteren Momenten der klassischen Musik.
Eine besondere Sternstunde seiner Karriere entstand durch die Zusammenarbeit mit dem Dramatiker Henrik Ibsen. Für dessen Schauspiel Peer Gynt schrieb Grieg 1875 die Bühnenmusik. Daraus stellte er später die beiden berühmten Peer-Gynt-Suiten zusammen. Stücke wie Morgenstimmung oder In der Halle des Bergkönigs sind heute selbst Menschen bekannt, die sich sonst kaum mit klassischer Musik beschäftigen. Sie werden regelmäßig in Filmen, Werbung, Computerspielen und Fernsehsendungen verwendet.
Grieg war einer der ersten Komponisten, die internationale Anerkennung erhielten, ohne aus einem der großen Musikzentren wie Wien, Paris oder Berlin zu stammen. Seine Musik zeigte, dass regionale Traditionen und Volksmusik die Grundlage bedeutender Kunstmusik sein konnten. Hier gibt es interessante Parallelen zu Antonín Dvořák, der ebenfalls abseits der großen Zentren arbeitete und sich seiner regionalen Tradition verpflichtet fühlte. Beide Komponisten sollen sich auf verschiedenen Veranstaltungen getroffen und ausgetauscht haben.
Grieg pflegte mit vielen Komponisten Kontakt, so u.a. auch mit Johannes Brahms, Peter Tschaikowski, Camille Saint-Saëns. Tschaikowski widmete Grieg sogar seine Konzertouvertüre „Hamlet“.
Grieg stand bei zahlreichen berühmten Musikern seiner Zeit hoch im Kurs.. Besonders eng war die Beziehung zu Franz Liszt. Als Grieg ihm das Partitur seines Klavierkonzerts zeigte, spielte Liszt große Teile davon spontan vom Blatt und äußerte sich äußerst lobend. Grieg war tief beeindruckt.
Grieg blieb seiner Heimat trotz internationalen Ruhms eng verbunden. Er lebte viele Jahre auf seinem Landsitz Troldhaugen bei Bergen, der heute als Museum erhalten ist. Dort komponierte er zahlreiche Werke in einem kleinen Arbeitshaus mit Blick auf den Fjord. Besucher berichten, dass Grieg oft direkt am Klavier neue Ideen ausprobierte und dabei norwegische Volksmelodien summte.
Grieg war mit etwa 1,52 Metern ungewöhnlich klein. Freunde berichteten, dass seine Persönlichkeit den Raum sofort füllte, sobald er zu sprechen begann oder am Klavier Platz nahm. Grieg wird als sehr humorvoll beschrieben. Oft machte er selbst Witze über seine geringe Größe. Ebenfalls kurios: Grieg erhielt so viele Briefe aus aller Welt, dass oft allein die Adresse „Edvard Grieg, Norwegen“ genügte, damit die Sendung ihren Empfänger fand.
In seinen letzten Lebensjahren litt Grieg zunehmend unter gesundheitlichen Problemen, insbesondere an einer Lungenerkrankung, die auf eine schwere Rippenfellentzündung in seiner Jugend zurückgeführt wurde. Trotzdem unternahm er weiterhin Konzertreisen durch Europa. Als er 1907 starb, galt er als Nationalheld. Zehntausende Menschen nahmen Abschied. Seine Asche wurde gemäß seinem Wunsch in einer Felsengruft am Wasser nahe Troldhaugen beigesetzt.
Griegs Bedeutung für die Musikgeschichte liegt nicht nur in seinen berühmten Werken. Er zeigte, dass nationale Traditionen eine eigenständige und international erfolgreiche Kunstmusik hervorbringen können. Seine Verbindung von romantischer Ausdruckskraft, eingängiger Melodik und nordischer Klangwelt beeinflusste Komponisten weit über Norwegen hinaus. Bis heute gehört seine Musik zu den bekanntesten und beliebtesten Werken des romantischen Repertoires.
