
Camille Saint-Saëns
9.10.1835 (Paris) - 16.12.1921 (Algier)
Camille Saint-Saëns war eine der prägenden Figuren zwischen Romantik und Moderne im ausgehenden 19. Jahrhundert. Als Pianist, Organist, Dirigent, Komponist, Musikschriftsteller und Gelehrter vereinte er außergewöhnliche musikalische Begabung mit einem universellen Interesse an Wissenschaft, Literatur, Astronomie und Geschichte.
Saint-Saëns galt als Wunderkind. Er begann im Alter von zwei Jahren mit dem Klavierspiel und konnte schon mit fünf Jahren einfache Kompositionen niederschreiben. Mit zehn Jahren gab er sein erstes öffentliches Konzert in Paris. Dort spielte er Werke von Mozart, Beethoven und Händel. Berühmt wurde die Ankündigung, dass er als Zugabe jede der 32 Klaviersonaten Beethovens spielen könne – das Publikum müsse lediglich eine auswählen. Er konnte ganze Partituren auswendig wiedergeben und galt als einer der gebildetsten Musiker seiner Zeit.
Seine Ausbildung erhielt er am Pariser Konservatorium. Dort studierte er Orgel, Klavier und Komposition. Als junger Mann verdiente er seinen Lebensunterhalt als Organist an bedeutenden Pariser Kirchen. In der Église de la Madeleine hörte ihn der gefeierte Pianist und Komponist Franz Liszt und bezeichnete ihn als den größten Organisten der Welt.
In einer Zeit, in der die französische Musik stark von der Oper dominiert wurde, setzte sich Saint-Saëns für die Instrumentalmusik ein. Gemeinsam mit dem Komponisten Romain Bussine gründete er 1871 die Société Nationale de Musique. Diese Gesellschaft sollte jungen französischen Komponisten eine Plattform bieten und die nationale Musik nach dem Deutsch-Französischen Krieg stärken. Viele spätere Größen der französischen Musik profitierten von dieser Initiative, darunter Gabriel Fauré, César Franck, Ernest Chausson, Vincent d’Indy und später auch Claude Debussy.
Saint-Saëns stand mit zahlreichen bedeutenden Künstlern seiner Zeit in Kontakt. Zu seinen Freunden und Kollegen gehörten Franz Liszt, Gabriel Fauré, dessen Lehrer er zeitweise war, sowie Charles Gounod. Weniger glücklich verlief sein Verhältnis zu Claude Debussy. Saint-Saëns bewunderte handwerkliche Klarheit und klassische Formen, während Debussy neue Klangwelten und harmonische Freiheiten suchte. Die beiden repräsentierten gewissermaßen zwei Generationen französischer Musik.
Saint-Saëns’ Werkverzeichnis ist außerordentlich umfangreich. Es umfasst Opern, Sinfonien, Solokonzerte, Kammermusik, Orgelwerke und Klavierstücke. Zu seinen bekanntesten Kompositionen gehört die Oper Samson et Dalila. Besonders berühmt wurde die Arie „Mon cœur s’ouvre à ta voix“. Große Popularität genießen auch die Symphonie Nr. 3 mit Orgel, das Klavierkonzert Nr. 2, das Cellokonzert Nr. 1 sowie die sinfonische Dichtung Danse macabre.
Sein heute wohl bekanntestes Werk ist jedoch der Karneval der Tiere. Die humorvolle Suite entstand 1886 und porträtiert Tiere musikalisch. Besonders der Satz „Der Schwan“ gehört zu den bekanntesten Melodien der klassischen Musik. Interessanterweise wollte Saint-Saëns den Karneval der Tiere zu Lebzeiten nicht vollständig veröffentlichen. Er fürchtete, das humorvolle Werk könne seinem Ruf als ernsthafter Komponist schaden. Nur „Der Schwan“ durfte öffentlich aufgeführt werden. Die vollständige Veröffentlichung erfolgte erst nach seinem Tod und machte das Werk zu seiner populärsten Komposition. Im Film Days of Heaven (deutscher Titel: In der Glut des Südens), dessen Musik überwiegend von Ennio Morricone stammt, setzt Regisseur Terrence Malick den Satz „Aquarium“ aus dem Karneval der Tiere in einer stimmungsvollen Szene der Abenddämmerung ein. Auch im Film Babe – Ein Schweinchen namens Babe erklingen mehrere Passagen aus dem Karneval der Tiere. Dass gerade dieses Werk heute zu seinen bekanntesten und meistverwendeten Kompositionen zählt, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.
Saint-Saëns war nicht nur Musiker, sondern auch ein leidenschaftlicher Reisender. Er bereiste Europa, Nordafrika, den Nahen Osten, Südamerika und Südostasien. In Algerien verbrachte er regelmäßig die Wintermonate. Exotische Klänge und Rhythmen, denen er auf seinen Reisen begegnete, fanden immer wieder Eingang in seine Musik.
Sein Interesse an Wissenschaft und Technik ging weit über den Maßstab eines Hobbys hinaus. Er beschäftigte sich intensiv mit Astronomie, Archäologie und Mathematik. Er veröffentlichte wissenschaftliche Aufsätze und korrespondierte mit Forschern. In einer Zeit zunehmender Spezialisierung verkörperte er noch das Ideal des universell gebildeten Künstlers.
Saint-Saëns gehörte zu den ersten Komponisten, die eigens für einen Film komponierten. Für den Stummfilm L’Assassinat du duc de Guise schrieb er 1908 eine originale Filmmusik und wurde damit zu einem Wegbereiter der späteren Filmmusik.
Sein Ansehen war zu Lebzeiten enorm. Er wurde in ganz Europa gefeiert und erhielt zahlreiche Ehrungen. Im hohen Alter wirkte er jedoch zunehmend konservativ. Die musikalischen Entwicklungen des frühen 20. Jahrhunderts, etwa der Impressionismus Debussys oder die Avantgarde eines Igor Strawinsky, betrachtete er oft kritisch.
Camille Saint-Saëns war ein Brückenbauer zwischen Klassik und Romantik, zwischen französischer Tradition und internationalem Stil. Seine Bedeutung in der Musikgeschichte verdient er nicht nur als Komponist, sondern auch als einflussreicher Netzwerker und Förderer.
